Donnerstag, 6. April 2017

18. Tag - Was ist der Sinn einer Krise?

Das fragte ich mich oft. Früher konnte ich nichts Gutes daran finden. Erst viel später spürt man eine Veränderung, und es braucht lange Zeit, bis man das erkennt. Was soll daran sinnvoll sein, wenn man am Boden liegt und kaum Kraft hat, aufzustehen? Immer und immer wieder muss dieser Weg gegangen werden, und auch Rückschläge gehören dazu.

Als an diesem Morgen ein Teilnehmer seine Lebensgeschichte vorträgt, wurde ich ganz traurig und dankbar, dass mir so ein Schicksal erspart geblieben ist. Sicher, mein Leben mit alkoholkranken Eltern war auch sehr belastend. Aber dieses Referat machte uns alle sprachlos und nachdenklich. Gleichzeitig war es aber auch sehr faszinierend anzusehen, dass dieser tolle Mensch, der hier spricht, das alte Leben hinter sich gelassen hat und vor einem steht. Mit solcher Freude am Leben und mit Zielen, die er erreichen will; dass ist der Lohn für seinen harten Weg den er durchschritten hat.

Kaffeepause.

Was der Sinn einer Krise ist? Darin waren wir uns nach großer Gruppenarbeit alle einig: wir wären heute nicht die Persönlichkeiten, die wir jetzt im Hier und Jetzt sind.
Ich habe mich nach langen Kämpfen und Verzweiflung von meinem Korsett befreit, dass mich eingeengt und erniedrigt hat. Ich habe gelernt loszulassen; das hat mir geholfen wieder mein Leben zu leben wie ich es für richtig halte. In den letzten Jahrzehnten versuchte ich mit allen Möglichkeiten, die Zuneigung und Anerkennung von meinen Eltern zu bekommen. Doch immer wieder endete es mit Enttäuschung, Wut und Hoffnungslosigkeit. Ich habe gelernt, dass es nur gelingen kann wenn beide beteiligten Seiten mitarbeiten und das gleiche Ziel verfolgen. Bei mir war das nicht der Fall. Seit ich den Kontakt zu meiner Mutter abgebrochen habe (es war kurz vor Weihnachten 2016) geht es mir gut wie seit langem nicht mehr, die negative Stimmung und die verbrauchte Energie rauben mir keinen Schlaf mehr; ich wandelte sie in positive Energie um und versuche mich in neuen Projekten. So kommt Stück für Stück mein Selbstvertrauen zurück.

Mittagspause.

Nach der Pause bekamen wir noch die Aufgabe:
Welche Arten von Selbsterforschung nutzt ihr? Es ging dabei aufzuschreiben, was einem hilft, um sich selbst besser kennenzulernen. Es gab jede Menge Dinge, die wir auf viele Flipcharts geschrieben haben. z.B. Achtsamkeitsübungen, Musik hören/machen, Bücher lesen, tanzen, laufen. Zusammengefasst kann man sagen: alles was einem gut tut und ruhig werden lässt und in diesem Moment einfach nur sein darf. Ohne etwas leisten zu müssen. Die Gedanken ruhen zu lassen und in sich ruhen. Mehr müssen wir nicht tun, einfach nur "sein".

Durch dieses Modul habe ich mich wieder ein Stück besser kennengelernt. Und das ist gut so.
Bis zum nächsten Blog wünsche ich Euch allen schöne sonnige Tage und ein fröhliches Osterfest.

Dienstag, 4. April 2017

17. Tag - Das Interview

Alles gut bei mir, die Nacht war ruhig. Ich fühlte mich ausgeruht und freute mich auf den Tag. Heute beschäftigten wir uns sehr intensiv mit dem Thema: welche Fragetechnik gibt es bei einem Interview und was ist das Ziel?
Wir lernen dabei von den Erfahrungen anderer, gleichzeitig reflektieren wir die eigenen Erfahrungen. Und wir erlernen mit Hilfe strukturierter Interviews andere zu unterstützen, mehr Klarheit über die eigenen Erfahrungen zu gewinnen.

Die Kunst des Fragens
Mit der richtigen Fragetechnik können wir
  1. Gesprächspartner oder Kollegen aktivieren
  2. die zwischenmenschlichen Beziehungen im Gespräch intensivieren
  3. neue Sichtweisen und Ideen kreieren und
  4. das Gespräch steuern.
 Innerhalb des Interviews unterscheidet man zwischen offenen und geschlossenen Fragen.
Offene Fragen: Mit offenen Fragen können wir dem/der Befragten eine Vielzahl an Beantwortungsmöglichkeiten einräumen. Dadurch schränken wir ihn in keiner Weise ein, akzeptieren aber auch kein einfaches "Ja" oder "Nein". So geben wir dem/der Befragten bewusst die Möglichkeit zu sagen, was er/sie denkt oder meint.
Geschlossene Fragen: Sie heißen so, weil die Frage selbst schon die Antwortmöglichkeiten definiert: die Antworten liegen in einem geschlossenen Bereich. Der Freiheitsgrad für den Antwortenden ist auf eine der zwei Möglichkeiten beschränkt:
  1. Variante 1: ja oder nein? (Hast Du die Unterlagen schon durchgesehen?)
  2. Variante 2: gelb oder grün? (Wann willst Du das nachholen, heute oder morgen?)
Außerdem gibt es noch die reflektierenden Fragen. Sie laden die/den Befragte/n dazu ein, gedanklich zu experimentieren. Auch sie werden im Konjunktiv formuliert. ("Wenn du die Möglichkeit sähest, ein bisschen Freizeit zu opfern, wofür würdest du sie sinnvoller Weise investieren?)

Kaffeepause.

Nach kurzer Pause musste ich mit meinem Partner ein strukturiertes Interview führen, das ca. 45 Minuten dauern sollte. Die Kunst lag nicht an den Fragen, die vorgegeben waren, sondern dass man seine eigenen Erfahrungen nicht mitgeteilt hat. Mein Partner musste schon einige Male lange überlegen, was er antworten wollte. So einfach waren die Fragen nicht zu verstehen.

Dann kam eine kleine Bewegungseinheit von mir. Ich brachte die Teilnehmer mit Bierdeckel und Tischtennisball dazu, sich zu bewegen und dabei auch noch Spaß zu haben. Das tat allen richtig gut und so durchgeschüttelt machten wir uns wieder an die Arbeit.

Dieses Mal wurde ich von meinem Partner mit den gleichen Fragen interviewt, doch ich stellte fest, dass es gar nicht so einfach war, auf der anderen Seite zu stehen. Fielen mir vorher noch alle Antworten spontan beim Fragen ein, so musste ich jetzt lange nachdenken, was wann und wo geschehen ist und wie es mir dabei ging.

Kaffeepause.

Und noch eine neue Art von Interview sollten wir kennenlernen: Reflecting-Team.
Wir wenden das schon bei uns in der Gruppe an, und zwar wenn ein Teilnehmer sein Referat hält.
Während er/sie es vorträgt, befindet er sich bei uns im Stuhlkreis oder steht neben uns. Nach dem Vortrag verlässt er/sie die Runde und setzt sich außen an den Rand vom Raum. Und jetzt beginnt das Reflecting-Team im Stuhlkreis: wir unterhalten uns respektvoll über das Gehörte und über den Vortragenden; wir geben kurze Stellungsnahmen wie das Gehörte auf uns wirkt und beschreiben wie es uns dabei geht. Dadurch können wir dem /der Referierenden ein gutes, sinnbringendes Feedback geben.
Im Anschluss an das Reflecting-Team wird der Referierende wieder in den Stuhlkreis aufgenommen. Er/sie benennt, ob und inwieweit ihm/ihr das Gesagte hilfreich oder angenehm gewesen ist. Das Setting wird aufgelöst und eine 10-minütige Pause festgelegt, um in Ruhe nochmals darüber nachdenken zu können.

Auch unser Kurs löst sich jetzt auf, es ist 17.00 Uhr und kein Raum mehr im Kopf zum denken frei. Zumindest bei mir, ich freue mich nur noch auf zu Hause und auf meine Familie. Bis morgen.....

Montag, 3. April 2017


Und mein Weg geht weiter...

In den letzten vier Wochen hat sich viel in mir bewegt. Nicht immer waren es positive Gefühle, doch die negativen Gedanken hatte ich schnell wieder im Griff.
In den letzten vier Wochen hatte ich zwei Abstürze, mit denen ich nicht gerechnet habe. Den ersten Absturz versuchte ich euch zu beschreiben, den zweiten Absturz erlebte ich mitten der Geburtstagsfeier meines Mannes. Ich merkte es schon am Mittagsessen, dass meine schwarze Wolke über mir schwebt, aber habe es leider nicht rechtzeitig geschafft mir eine Auszeit zu nehmen. Und dann gegen Abend ging es nicht mehr, ich litt unter Übelkeit, schlechte Gedanken und Angstzustände. Ich machte mir große Sorgen, dass ich in Zukunft wieder öfter darunter leiden könnte: das raubte mir alle Kräfte. Die Nacht war unglaublich schwer, irgendwann um 6.00 Uhr bin ich eingeschlafen. Nach ein paar Stunden Schlaf ging es mir relativ gut, konnte sogar frühstücken. Nachdem alles Gäste abgefahren waren, zog ich die Laufschuhe an und drehte eine große Runde. Und da war es wieder, das positive Gefühl. Freiheit, meinen Körper zu spüren und meinem gleichmäßigen Atem zuzuhören.
Ich habe jetzt endlich gegriffen, wie ich meine schwarze Wolke in den Griff bekomme und das fühlt sich super gut an. Mit einem komischen Gefühl machte ich mich dann am Freitag auf dem Weg zum nächsten Modul.

16. Tag - Selbsterforschung

 Das Modul Selbsterforschung dient der strukturierten Reflektion der eigenen Erfahrung. Gleichzeitig sollen die Teilnehmerinnen erlernen, mit Hilfe strukturierter Interviews andere Betroffene dabei zu unterstützen, mehr Klarheit über die eigenen Erfahrungen zu gewinnen. ( aus dem EX-IN-Curriculum für Trainerinnen)

Bevor wir in dieses Thema eintauchten, erzählte eine Teilnehmerin ihre Lebensgeschichte anhand eines Referates, das sehr bewegend war. Jeden Kurstag bis September muss jeweils ein Teilnehmer über sein Leben berichten, egal in welcher Form. Ich bin im Mai dran, habe gottseidank mein Referat schon länger geschrieben.

Dann ging es los: Was ist Selbstoffenbarung - oder auch Self-Disclosure genannt? Ein Teilgebiet der Kommunikationswissenschaften befasst sich mit der Frage: "Wie kommt es dazu, dass sich unsere Beziehungen zueinander vertiefen, während wir uns besser kennen lernen?"
Self Disclosure beschreibt in diesem Zusammenhang, auf welche Weise Menschen einander Informationen über sich selbst zukommen lassen. Indem wir unseren Gegenüber Informationen über uns geben, verstehen wir einander besser, machen wir den Kontext unserer Beziehung klarer, unmissverständlicher.

Self-Disclosure nach dem "Johari-Fenster" (von: Joseph Luft & Harry Ingham) beschreibt folgende Bereiche:
  1. Was ich über mich weiß und anderen gerne erzähle. Dies ist der Bereich freien Handelns, hier bin ich oft öffentliche Person, z.B. im Beruf oder im Verein. Die hier gezeigten Aspekte und Handlungsweisen sind anderen bekannt.
  2. Was ich nicht über mich weiß, was aber andere wissen. Der Bereich des "blinden Flecks", unser Balken im Auge. Hier sind Verhaltensweisen gemeint, die wir selbst nicht als auffällig an uns erkennen, oder die wir gar nicht sehen. Dafür jedoch die anderen. - Oder wir glauben etwas klar auszudrücken, was die anderen aber völlig anders auf-fassen. Feedback ist hier entweder erhellend oder verletzend!
  3. Was ich über mich weiß und für mich behalte. Bereich des Verbergens, z.B. heimlicher Süchte, böser Gedanken oder einer unrühmlichen Vergangenheit. Vorsicht: Hier sind wir ggf. erpressbar. Dieses Feld wird umso kleiner, je mehr wir Vertrauen zu anderen entwickeln.
  4. Was weder ich noch andere über mich wissen. Wir sind vielschichtiger als wir denken. Ab und an dringt etwas durch unser Unterbewusstsein hervor, das wir vor uns selbst verbergen, z.B. durch einen Traum. Wir sprechen hier von den verdrängten Anteilen dessen, was wir "Ich" nennen.
Viel Information, rege Diskussion im Stuhlkreis.

Kaffeepause.

Nach einem stärkenden Kaffee mussten wir folgende Aufgabe lösen: Nehme ein Erlebnis oder eine Situation aus deinem Leben und beschreibe sie anhand "Tuulas-Beziehungskommunikation". Erzähle es in der Küchenversion (fast jedem/jeder), in der Wohnzimmerfassung (Freunde, Familienmitglieder) und im Schlafzimmergeflüster (Eheleute, beste Freundin/bester Freund).

Ich suchte mir dafür das Thema Flitterwochen aus.
Küchenversion: Die Flitterwochen waren anstrengend, da es an der Hochzeitsfeier mal wieder zu Streitigkeiten innerhalb der Familie kam.
Wohnzimmerfassung: Ich lag in Salzburg im Krankenhaus mit dem Verdacht auf einen Nervenzusammenbruch. Die Tage in der Pension verbrachte ich nur schlafend oder heulend. Aber so richtig kann ich mich nicht mehr daran erinnern.
Schlafzimmergeflüster: ich erzählte meinem Mann ausführlich wie die Situation für mich ist und wie lange ich damit schon kämpfe. Erzählte ihm, wie schlecht es mir teilweise geht und dass ich Angst vor der Zukunft habe. Ich versuchte ihm zu beschreiben, wie sich die Symtome anfühlten und erzählte von meinen Gedanken die mich quälten.

Puh, Gedanken an früher kommen hoch. Doch dieses Mal kriegen sie mich nicht klein, denn das ist alles schon lange her. Im Hier und Jetzt geht es mir gut, das ist das Wichtigste. Auf dem Heimweg fühlte ich mich das erste Mal richtig gut und entspannt, welch Erfolg zum letzten Modul. :)))


Donnerstag, 23. Februar 2017

💗   Nachtrag zum Modul - Trialog und Perspektivwechsel

Dieses Modul aufzuschreiben, kostete mich viel Kraft. Gleichzeitig bedeutet es für mich die Aufarbeitung eines Traumas, das ich schon so lange mit mir trage.
Meine Rückenschmerzen sind nicht wirklich weg, doch ich achte eben auch meine Bewegungen.
Die Nächte sind wieder normal, mein Seelenzustand einigermaßen im Gleichgewicht. Beim Schreiben dieser Seiten hatte ich Bauchschmerzen, eiskalte Finger und Tränen liefen mir über das Gesicht.
Doch ich bin dankbar für diese Erfahrung, es bringt mich wieder ein kleines Stück näher an mich heran. Ich will Euch sagen: das Leben ist schön und ihr seid ein Teil davon, danke.


15. Tag - Mein ganz persönlicher Absturz

Was soll ich schreiben? Wo fang ich an? Wie konnte das passieren?
Die Nacht war ganz gut, ich habe zwar nicht tief geschlafen doch mittlerweile ist das an den Ex-In-Wochenenden auch normal. Um 7.00 Uhr bin ich aufgewacht und fühlte ein Gefühl in mir hochsteigen, dass mich an meine Flitterwochen erinnerte. Zur damaligen Reise nach Salzburg habe ich gar keine gute Erinnerung, denn ich wurde ins Krankenhaus eingeliefert: Diagnose Nervenzusammenbruch. Und genau so erlebte ich es wieder: ich gab alles von mir, hatte schreckliche Gedanken an Aufgabe und Hoffnungslosigkeit. Mein geliebter Mann weilte in Thailand, ihn konnte ich nicht greifen. Panik kam hoch, ich lief wie ein Tiger im Kreis und versuchte mich abzulenken. Ich hatte großen Hunger, doch konnte nichts essen. Angstzustände, alles könnte wieder so werden, wie früher. Nicht noch einmal durch die Hölle und zurück. Ich versuchte meine Gedanken zu ordnen und an die letzten Module zu denken, worauf kann ich zurückgreifen, wenn ich die Anzeichen kenne? Ich rief dann einen Teilnehmer an, mit dem ich zwischenzeitlich befreundet bin. Seine beruhigenden Worte taten gut und ich schaffte es, Toast zu essen und mich für den Kurs zu richten. Er wollte mich abholen, doch ich versicherte ihm dass ich selbst fahren kann. Ich hatte ja die Option heimzugehen, wenn es gar nicht anders geht. Insgeheim wusste ich, dass das ein wichtiger Weg für mich ist. Dort angekommen, nahm mich gleich mein Dozent zur Seite und bot mir seine Hilfe an. Eigentlich zeigte sich dann die Dynamik der Gruppe, ich wurde aufgefangen und versorgt. Ich musste nur äußern was ich brauchte. In der Blitzrunde erzählte ich unter Weinen und Schluchzen wie es mir ging, was das gestrige Rollenspiel bei mir auslöste und dass mir erst jetzt ganz bewusst wurde, was ich Jahrzehnte versuchte: eine liebe Tochter zu sein, die darauf wartete, geliebt zu werden. Immer und immer wieder gab ich alles, verzichtete auf vieles, ordnete mich unter. Nur das was ich erwartete und erhoffte, sollte es für mich nicht geben. Ich wurde vertröstet oder missachtet, bis heute ist das so. Seit Weihnachten habe ich keinen Kontakt mehr zu meiner Mutter, mein Verlangen nach Liebe von ihr ist verschwunden. Meine Zukunft findet ohne meine Familie statt, und das habe ich in dieser Krise klar für mich entschieden. Ich kann und will so nie wieder leiden. Schluss damit!! Jetzt bin ich dran.

Die Kursteilnehmer waren alle betroffen, manche haben geschwiegen, andere haben mit mir geweint. Wie sollte jetzt ein Unterricht stattfinden? Ich wurde gefragt, was mir jetzt gut tun würde und ich sagte einfach: Bewegung. So gingen wir alle geschlossen für eine halbe Stunde spazieren, jeder in Gedanken oder in leisem Gespräch. Während dieser Zeit kamen meine Lebensgeister wieder zum Vorschein, meine Geist beruhigte sich. Im Seminarraum zurück hatten wir eine weitere Aufgabe: in Kleingruppen sollten wir ausarbeiten, was Genesungsbegleiter als: Fürsprecher, Gruppenleiter, Hoffnungsträger, Übersetzer/Vermittler und die Politik bedeutet. Meine Gruppenmitglieder kümmerten sich rührend um mich: ich bekam Massage, Tee, Kekse. Langsam konnte ich auch wieder mitdenken. Das Zittern hörte auf, aber ich hatte im Lendenwirbelbereich heftige Schmerzen. Konnte kaum atmen oder mich bewegen, ich war erstarrt. So geschockt war ich von der Erkenntnis die ich plötzlich erlang. Ob ich wollte oder nicht, mein Körper zeigte mir wo ich stehe.

Mittagspause.

Nach einem Teller Spätzle mit Soße und einem Joghurt, einem Konzert mit Gitarre und Flöte kam mein Lachen zurück, viele nahmen mich in den Arm und freuten sich für mich. Wir besprachen noch die Termine für die Referate, die wir über unser Leben halten sollen (ich bin im Mai dran:) ).
Dann die Blitzrunde zum Abschied. Ich wollte als Erste anfangen und mich bei meiner Gruppe bedanken, dass sie mir geholfen haben, nicht aufzugeben. Dann hörte ich aber von vielen, dass ich ein großes Vorbild für sie bin. Ich wäre so stark. Viele gaben zu, dass sie nicht gekommen wären. Die Kraft hätten sie nicht gehabt. Wir alle waren sehr platt, emotional überfordert und wir wollten nur nach Hause und die Ruhe fühlen.

So fuhr ich auch nach Hause mit einem guten Gefühl. Nadine kümmerte sich sehr rührend um mich und wir hatten noch ein gutes Gespräch. Später kam noch Henning und wir haben gegessen und einen schönen, lustigen und doch todtraurigen Film geschaut. So ging der Tag langsam zu Ende. Was nehme ich davon mit? Eine weitere Erkenntnis habe ich: man kann über seine Grenzen gehen und es schaffen. Und dieses Mal habe ich es ganz alleine aus diesem Tal geschafft, nur ich und meinen Willen, endlich ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Dazu brauche ich nicht viel, nur Geduld und die Situation und das Gefühl so anzunehmen wie es gerade ist. Innezuhalten und zu spüren, was ich in diesem Moment brauche.


Meine Genesungsbegleiter waren heute meine Hoffnungsträger. Sie haben ihre Sache super gemacht.
Herzlichen Dank dafür!!!!

Mittwoch, 22. Februar 2017


immer noch Tag 14.

Nach der Kaffeepause wurden noch die Überschneidungen besprochen, denn so klar abgrenzen kann man die Erwartungen nicht. Wenn Ihr genau die Ergebnisse gelesen habt, konntet Ihr feststellen, dass manche Punkte auch bei einer anderen Gruppe auftauchen.

Unsere zweite Trialogübung: Perspektivdreieck-Trialog, das heißt, die drei Gruppen verteilen sich auf die drei Seiten eines Dreiecks (Angehörige / Profis / Erfahrene), jede/r spricht aus der jeweiligen Perspektive und wandert nach 10. Minuten zur nächsten Seite. Ich kann ja nur von mir sprechen, doch bei der Gruppe Angehörige und Erfahrene konnte ich viel beitragen, da ich ja die Situationen gut kenne; eigentlich waren es von allen Gruppen nur gegenseitige Vorwürfe. Es ging um Themen wie Unterbringung, Medikation, Therapieformen, zu wenig Gesprächstermine usw. Wir alle haben eben diese Beobachtungen selbst erlebt und möchten dies auch öffentlich machen. Auch das ist ein langer Weg, den wir geduldig gehen werden.

Mittagspause.

Durch die Unterbrechung wurden wir neu gestärkt. Manche gehen in der Mittagspause spazieren, andere halten einen Dialog und wieder andere machen Musik mit Gitarre, Querflöte und allerlei Schlaginstrumente. Das ist richtig entspannend und als Gruppe wachsen wir immer mehr zusammen.

Ein Dozent brachte uns dann in Bewegung, indem wir eine Körperübung im geschlossenen Kreis machten und im Rhythmus der Teilnehmer so langsam im Kreis gehen, immer im Einklang mit dem Nebenmann. So konnte man die Augen schließen und sich ganz tragen lassen.
Weiter ging es mit einem Trialogischen Rollenspiel I: die besetzenden Rollen waren: Psychiatrieerfahrener, Schwester oder Bruder, Vater und Mutter, Bezugsbetreuer (dies ist sein dritter Einsatz heute) und Beobachter (macht Notizen). Ich hatte die Rolle des Beobachters und verfolgte die Szene und hörte aufmerksam dem Gespräch zu. Alle Beteiligten spielten ihre Rolle richtig gut, besonders der Betreuer hat super reagiert und klare Regeln im Beisein der Eltern aufgestellt und den Psychiatrieerfahrenen aus der Situation geholt, zu seinem Schutz. Als Betroffener ist es schwer, seine Meinung zu vertreten und auch dabei zu bleiben. Oft wird man unter Druck gesetzt und reagiert dann so, wie der Angehörige es will. Auch, weil man dann in Ruhe gelassen wird. Es wird alles geschluckt, weil man nicht weiß, wie man diese schwierige Zeit sonst ertragen kann. Man wird ganz klein und unsicher, langsam aber sicher verschwindet man.

Anschließend mussten wir beim Trialogischen Rollenspiel II die Rollen tauschen. Folgende Situation: Betroffener, der sich nahe oder in einer psychischen Krise befindet, ist zu Weihnachten nach vielen Monaten erstmals wieder "daheim". Mutter/Vater haben ihn lange überreden müssen, damit er überhaupt kommt. In dieser Familie spielt der Alkohol eine große Rolle. Die Familie sitzt am Tisch, als es zu einem Streit kommt, in dessen Verlauf eine oder beide Elternteile zunehmend den Sohn unter Druck setzen und die Situation eskaliert. Der Sohn ruft seinen Betreuer an und verlässt die Familie.
Soweit sind die Rollen klar besetzt, ich wollte meine Mutter spielen (ist oft betrunken und sucht immer Gelegenheiten, weiterzutrinken; aggressiv und bestimmend), ein Teilnehmer spielt den Vater (dieser ist eher ruhig). Ich wollte einfach mal wissen wie es sich anfühlt, wenn man Familienangehörige und vor allem sein Kind so verletzend behandelt und demütigt. Genau diese Situation herrschte bei uns sehr, sehr oft; nicht nur an Weihnachten. Im Alltag, bei Freunden, in der Gaststätte, beim Einkaufen. Ich war ständig in Gedanken fluchtbereit und zog den Kopf ein.
Also fingen wir an....... und nach nur 5 Minuten tauschten mein Teilnehmer und ich die Rollen, ohne Absprache. Ich konnte gar nicht meine Mutter spielen, da er meine Rolle übernahm, jedoch in einer Art und Weise, die uns alle überraschte. Er spielte sein Sache sehr sicher, ich wurde immer kleiner, sank in mich zusammen und sah auf einmal meine Mutter da sitzen. Ich habe im Geiste einfach die Gesichter ausgetauscht und habe mich 40 Jahre zurückversetzt in unser Wohnzimmer. Der Teilnehmer, der den Sohn spielte, fing nach kurzen Ansprachen und Protesten wirklich an zu weinen und ist aufgestanden um zu gehen. Er ging auch, um kurz später wieder zu kommen und es nochmals zu versuchen. Keine Chance, er wurde wieder in Grund und Boden geschrien. Der Teilnehmer, der den Vater spielte, kam aus seiner Rolle gar nicht mehr heraus. Ich konnte gar nichts mehr fühlen, nur Ohnmacht und Sprachlosigkeit. Habe ich das Gesehene und Gehörte wirklich so lange ertragen? Habe ich wirklich immer wieder versucht, gute Stimmung nach so einem Krach zu machen? Mit dem Ergebnis: ausgelacht und weggeschickt.
Der Dozent hat dann auf einmal das Rollenspiel gestoppt, er lief aus dem Ruder. Ich weiß nicht, ob ihr nachempfinden könnt, was in uns vorging. Stille, große Betroffenheit und Fragen, wie so was passieren konnte. Zusammen versuchten wir uns zu beruhigen und uns zu fragen, was in jedem Einzelnen dabei vorging. Der Teilnehmer, der den Vater spielte, war über sich selbst so schockiert. Er konnte nicht glauben was er da gespielt hat (sein Vater war Alkoholiker, was er danach erzählte). Auch in den anderen Gruppen gingen manche an die frische Luft, ein Dozent zur Betreuung mit. Ganz im Innern sitzen noch Dinge, die man so im Alltag nicht spürt. Diese tiefe Verletzungen kommen bei solchen Begegnungen dann nach draußen, mit voller Wucht. Mein persönliches Fazit: das war eine Familienaufstellung mit lebenden Figuren. Und das geht ganz schön unter die Haut.

Kaffeepause.

Der Tag war aber noch nicht zu Ende. Nach der Pause durften wir einen Filmausschnitt über "20 Jahre Trialog" anschauen, doch keiner konnte sich so richtig konzentrieren. Der Kopf war übervoll, die Emotionen beherrschten die Gedanken, wir hatten Mühe sitzenzubleiben.

Kleiner Hinweis. Wer mehr über Trialog wissen will: www.trialog-psychoseseminar.de

Feierabend, endlich nach Hause. Ich ging noch einkaufen, kochte mir etwas Leckeres und dann versuchte ich zu schlafen, oberflächlich aber ganz gut.
14. Tag - Perspektivwechsel

Gestern haben wir ja schon gelernt und erlebt, wie ein Trialog ablaufen kann. Ein Trialog hilft nicht, eine Lösung zu finden, sondern ist ein informeller Austausch, soll das Verständnis füreinander wecken und sich gegenseitig stehen lassen. Soweit so gut, aber ich habe mittlerweile gelernt, dass die praktischen Übungen immer sehr nachhaltig sind und einen noch eine ganze Weile beschäftigen.

Unsere erste Trialogübung: a.)Was erwarte ich als Angehöriger von Profis/Erfahrenen? b.) Was erwarte ich als Profi von Erfahrenen/Angehörigen? c.) Was erwarte ich als Erfahrener von Angehörigen/Profis? ... im gemeinsamen trialogischen Miteinander? Wo überschneiden sich die Erwartungen der drei Gruppen?

Unsere Ergebnisse der drei Gruppen könnt Ihr hier sehen:



Kaffeepause.